Was Thüringen mit VUCA zu tun hat

VUCA-Expertin Stefanie Voss spricht über die Wahlen in Thüringen. ©pixabay1

Was Thüringen mit VUCA zu tun hat

Die überraschenden und unvorhersehbaren Ereignisse in Thüringen in den ersten Februartagen 2020 werden den Berliner Politikbetrieb nachhaltig verändern. Was hat das mit VUCA zu tun? VUCA ist ein Akronym, das sich auf "volatility" ("Volatilität"), "uncertainty" ("Unsicherheit"), "complexity" ("Komplexität") und "ambiguity" ("Mehrdeutigkeit") bezieht. Die frühere DAX-Konzern-Managerin, Weltumseglerin und 5 Sterne Rednerin Stefanie Voss wirft vor diesem Hintergrund einen Blick auf die aktuelle politische Entwicklung. Seit rund 10 Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema VUCA. In Ihren Vorträgen, Leadership Workshops und Business Coachings gewinnt das Thema immer mehr an Bedeutung.

In meinem Vortrag zum Thema VUCA fällt es den Zuhörern manchmal schwer, sich diese neue, noch recht ungreifbare „VUCA-Welt“ vorzustellen. Das Thema scheint weit weg vom eigenen Lebenskontext, eher abstrakt und nicht relevant. Dieser Eindruck trügt. Denn wer VUCA verstehen will, muss sich einfach nur das politische Geschehen der letzten Tage in Deutschland ansehen. Das war und ist die VUCA-Welt in ihrer reinsten Form. In der VUCA-Welt ist die Planbarkeit eine Illusion, die Unkalkulierbarkeit hingegen die Realität. Und das ist besonders für uns hier in Deutschland ein massives Problem. In der Wirtschaft ist dieser Begriff zwar mittlerweile zu einer festen Größe geworden, denn es gab viele radikale Umbrüche in den letzten Jahren. Aber für die breite Gesellschaft ist VUCA noch nicht greifbar, weil es noch zu weit weg von der Lebensrealität vieler Menschen ist.

Warum? Wir leben hier nicht nur in einem funktionierenden, strukturierten und durch Gesetze, Bestimmungen und Verordnungen umfassend geregelten Umfeld. Es gibt zusätzlich zahllose ungeschriebene Gesetze und Gepflogenheiten. Man respektiert sie, auch ohne dass sie extra ausgesprochen oder geschrieben werden müssen: Man macht das halt so. Das gilt auch für die Politik. Es wird nur dem Kandidaten einer Fraktion die Stimme gegeben, mit der vorher verhandelt wurde. Bis jetzt war es so. Doch nun kommt VUCA. Die Stimmen der AFD für einen FDP-Ministerpräsidenten, ohne dass dies vorher in einem Koalitionsvertrag verhandelt wurde, sind politisches Neuland. Genau das ist die Unkalkulierbarkeit, auf die wir uns immer mehr einstellen müssen. Wie viele Menschen war ich über diese Entwicklung entsetzt und überrascht. Mir wurde aber schnell klar: VUCA hat am 5.2.2020 mit Wucht die Politik erreicht, und nun wird es auf diese Weise weitergehen.

Ein Prinzip der VUCA-Welt ist, dass in Krisensituationen nur absolut hierarchische und starke Führungen funktionieren. In unsicheren Zeiten sind Macht und Stärke die Basis der Führung – ob es gefällt oder nicht. Annegret Kramp-Karrenbauer hat genau das am eigenen Leib erfahren müssen. Ihre Versuche, Ruhe und Geschlossenheit in die CDU zu bringen, scheiterten. Erst als sich die mächtige Kanzlerin, Angela Merkel, meldete, hat die Partei eine klare Linie im direkten Umgang mit den Ereignissen gefunden.

Das führt zum nächsten Prinzip der VUCA-Welt: Klarheit. Im volatilen und komplexen Raum sehnen wir uns nach Leuchttürmen, an denen wir uns orientieren können. In der Politik sind das klare Standpunkte. Wer das nicht bieten kann, verliert Anhänger, so wie Christian Lindner, der mit seinem Zickzack-Kurs herbe Kritik erntete. Und das, obwohl die FDP mit dem Kandidaten Thomas Kemmerich geradezu „im Auge des Sturms“ stand, und sich durch staatspolitische Verantwortung in dieser besonderen und neuen Situation womöglich hätte profilieren können. Lieber eine klare und vielleicht auch sehr kontroverse Position einnehmen als keine Position, denn Zögern und Zaudern wird in der VUCA-Welt hart abgestraft.

Diskutieren, Entscheiden, Planen, Strukturieren, langfristig Denken und Handeln – so funktionierte bisher viel in Deutschland auch in der Politik. Heute, im Jahr 2020, redet alle Welt über Agilität und über ständig wechselnde, flexible Strukturen. In den Unternehmen wird situatives Führungsverhalten trainiert, Command & Control soll endlich der Vergangenheit angehören. Die traditionelle Wirtschaft tut sich jedoch schwer mit dieser Agilität. Das Festhalten an Regeln und Vorgaben ist nicht nur eine tief verwurzelte Gewohnheit, es ist zudem viel einfacher, als situativ zu handeln. Genau diesen Veränderungsprozess erlebt jetzt die CDU. Sie will nicht mit den Linken zusammenarbeiten - basta! Aber jetzt gibt es die ersten in der CDU, die genau das möchten, ganz nach dem Motto „Ausnahmen bestätigen die Regel“. Was ist also verhandelbar, was nicht? Wo bleibt die Verlässlichkeit? Wenn wir schneller und flexibler werden wollen, wie wird Stabilität gewährleistet? Es gibt keine einfache Antwort darauf. Sicher ist nur: In der VUCA-Welt ist die nicht vorhandene Verlässlichkeit konstant.

Aber wenn aus unserem Umfeld keinerlei Stabilität mehr kommt, dann muss diese von innen heraus entstehen – auf der ICH-Ebene genauso wie auf der WIR-Ebene. Menschen, die in der VUCA Welt erfolgreich sind und agil agieren, verfügen in der Regel über eine starke Ich-Beziehung. Sie haben ein realistisches Selbstbild und gesundes Selbstvertrauen. Teams und Organisationen, die unter VUCA-Bedingungen prosperieren, bauen ihren Erfolg auf einer gemeinschaftlichen Vertrauensbasis auf. In der Politik ist Vertrauen insgesamt elementar wichtig – aber für den einzelnen Politiker wird es immer schwieriger, tagtäglich Vertrauen zu schenken und zu erhalten. Frau Kramp-Karrenbauer habe eben das Haifischbecken in Berlin unterschätzt, so las ich gestern. Vertrauen und Haifischbecken – passt das zusammen? Ohne Vertrauen ist es extrem schwer, eine Zusammenarbeit, die gelingen soll, auf die Beine zu stellen. In der sich immer dynamischer entwickelnden VUCA- Welt halte ich langfristige Kooperation ohne Vertrauen für unmöglich.

Mein Fazit: Was bedeutet VUCA also für die politische Zukunft in Deutschland? Für die Wirtschaft? Was bedeutet es für uns individuell? Wir werden weiterhin regelmäßig überrascht werden. Das Unkalkulierbare wird alltäglich. Ich bin mir aber sicher, dass wir irgendwann besser darin werden, agil zu denken, zu handeln und aus Problemen Chancen zu entwickeln. Wir werden Führung anders leben, und wir werden mehr flexible, offene und dennoch starke Führungspersönlichkeiten erleben. Schlussendlich werden wir unser ganz individuelles Gefühl von Vertrauen zu einem Menschen oder einer Gruppe als immer wichtiger bewerten. Es ist das wertvollste Gut in der VUCA-Welt.

Wenn das Thema VUCA für Sie und Ihr Unternehmen interessant ist, dann buchen Sie Stefanie Voss als Keynote Speakerin. Die internationale Business-Expertin und Weltumseglerin bringt mit ihrem Vortrag „It’s a VUCA World – So gelingt Führung in Zeiten von Unkalkulierbarkeit“ eine hervorragende Mischung aus Business-Fachwissen, Spannung und wertvollen Handlungsstrategien auf Ihre Bühne.

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