Vor dem Kanzlerduell Merkel-Schulz: Wer ist der bessere Rhetoriker?

Winfried Bürzle spricht über die Bundestagswahl 2017. © CCO Public Domain1

Vor dem Kanzlerduell Merkel-Schulz: Wer ist der bessere Rhetoriker?

„Abgehoben“ und „entrückt“ nennt der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in der ARD seine Kontrahentin Angela Merkel im Kampf um das Bundeskanzleramt. Im „Fernduell“ vom vergangenen Sonntag attackiert Schulz also wenige Tage vor dem echten TV-Duell am kommenden Sonntag Merkel scharf. „Keine gute Idee“, meint 5 Sterne Redner und Rhetorikexperte Winfried Bürzle, gelte doch in der Rhetorik der Grundsatz: „Sachlichkeit schlägt jede Emotionalität“.

Die Kanzlerin hat Übung im Umgang mit solchen Attacken. Entsprechend gelassen und betont sachlich reagiert Merkel dann auch im ZDF auf die Angriffe. Sie versuche, ihrem Amtseid wirklich gerecht zu werden - dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen. Und das bedeute, den Menschen im Lande zu dienen. Mit dieser nüchternen Aussage und dem gleichzeitigen Hinweis auf die hohe Verantwortung in diesem Amt wird sie nach Auffassung des Kommunikationsprofis auch beim Kandidatenduell mit einem klar kalkulierten Motto punkten: „Zurückhaltung ist die bessere Haltung. 1 zu 0 für Merkel!“

Die rednerischen Stärken – aber vor allem auch Schwächen - von Politikern und andere Prominenten in der Öffentlichkeit sind der Aufhänger für Winfried Bürzles äußerst unterhaltsame Rhetorikshows SPRECHSCHADEN. Dabei lernen die Zuschauer aus den Pannen viel über die Wirkung von Sprache und wie sie selbst öffentliche Auftritte meistern.

Der 5 Sterne Redner sagt: „Ebenso prägend wie die innere Haltung ist die äußere Wirkung.“ Und so klopft Bürzle denn auch bei der Kanzlerkandidatin und dem Kanzlerkandidaten vor dem TV-Duell das gesamte Spektrum der Rhetorik ab.

„Mögen viele über die Kleider von Angela Merkel oder auch über ihre Frisur gelästert haben – der Bart von Martin Schulz polarisiert nicht weniger“, sagt er. „Sie wollen das Gesicht Deutschlands werden, mit diesem ausgefransten Teppich im Gesicht. Warum rasieren Sie sich nicht?", fragt denn auch "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner. Auch der Berliner Promi-Friseur Udo Walz schlägt sich ins Lager der Bart-Gegner. „Weil das jünger aussieht, gepflegter. Das würde ihm helfen", so Walz.

Journalist Bürzle gibt den Kritikern Recht. „Der Bart verleiht Martin Schulz weder den Touch eines Intellektuellen noch ist er modisch auf der Höhe. Er wirkt einfach nur ungepflegt.“ Zusammen mit einer unfreundlichen, ja fast schon grimmigen Grundmimik und seinem manchmal überforschen Auftreten sieht der 5 Sterne Redner auch hier Schulz eher im Nachteil als im Vorteil gegenüber der Amtsinhaberin.

Anders sehe es aus bei den gestischen Fähigkeiten, meint Bürzle. Mag Angela Merkels Markenzeichen, die Raute, durchaus so etwas wie innere Ruhe und Unaufgeregtheit signalisieren - zusammen mit manch anderen körpersprachlichen Äußerungen wirkt ihre Gestik nach Meinung des Rhetorikexperten insgesamt eher unbeholfen, zuweilen sogar etwas linkisch. Martin Schulz dagegen verfüge über eine souveräne, zielgerichtete, nachvollziehbare und eindeutige Gestik. Verbalsprache und Körpersprache wirken kongruent. „Eindeutiger Punkt für Martin Schulz“, zieht Bürzle Bilanz.

Was die Sprachkompetenz angeht, können beim Rhetorikprofi weder Merkel noch Schulz so richtig punkten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. „Merkels Stil ist so wenig greifbar“, sagt Bürzle. „Ihre Sprache ist technokratisch, protokollarisch und oft umständlich. Sie benutzt viele Worthülsen, die einfach nichtssagend sind, zum Beispiel ,Wir müssen gestalten statt verwalten‘“. Dazu komme ein leichter s-Fehler, den der 5 Sterne Redner als „etwas störend“ bezeichnet.

Nach Aussage von Bürzle besitzt Schulz dagegen ein kräftiges Organ, das er bewusst einsetze. Er kenne die Weisheit, dass eine kräftige Stimme Macht signalisiert. Leider überzieht der Kanzlerkandidat der SPD dabei nach Einschätzung des Profis. „Er wirkt oft unangenehm laut“, sagt Winfried Bürzle. In seinen Formulierungen sei er Amtsinhaberin Angela Merkel überlegen. „Zwar kennt auch die Sprache von Schulz nichtssagende Floskeln. Meist aber ist sie wesentlich bildhafter und konkreter als die von Merkel. Seine Reden sind strukturierter und zugespitzter“, stellt der Rhetorikexperte fest. Allerdings wirke er dabei eben oft polternd, fast missionarisch. Dazu kämen Anklänge seines nordrhein-westfälischen Dialekts, bei dem aus dem "g" ein raues "ch" oder auch aus dem "sch" ein "ch" wird. „Das wirkt zumindest in den Ohren eins Bayern oder Baden-Württembergers nicht viel gewinnender als das tiefste Niederbayerisch oder Schwäbisch in den Ohren eines Hanseaten“, sagt der Kommunikationsprofi Bürzle.

Bleibt der Inhalt. Der Frage, warum dieser wichtige rhetorische Punkt im Kandidatenduell erst so spät auftaucht, begegnet der 5-Sterne-Redner Bürzle mit einer simplen Feststellung: Weil es hier so gut wie keine Unterschiede gibt! Sowohl die CDU-Chefin als auch der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments haben sich Themen auf die Fahnen geschrieben wie soziale Gerechtigkeit, gesellschaftlicher Zusammenhalt, Europa und Flüchtlingskrise. „Da bleibt keine Angriffsfläche für den Herausforderer Schulz“, sagt Bürzle. Deswegen tue gerade er sich auch so schwer in der Frage der Abgrenzung. Damit sieht der Rhetorikexperte hier einen klaren Vorteil für Angela Merkel. „Denn wo es keine Unterschiede gibt, setzen die Leute wohl eher auf Kontinuität. Und da kann die Amtsinhaberin einfach locker auf das Erreichte und ihre Erfahrung im Amt setzen.“

Bürzle beschreibt den bisherigen Wahlkampf zwischen Merkel und Schulz mit einem Bild: Die Mama der Nation sitzt zuhause auf der Couch und schaut fern. Da sieht sie Kämpfer Schulz verwundert im Boxring umherirren auf der Suche nach dem Gegner. Redner Winfried Bürzle bilanziert: „Am Sonntag beim TV-Duell aber ist Schluss mit Couch! Da muss sich Angie dem Martin stellen. Und dann werden wir „fern“-sehen, ob sie ihren leichten Punktevorsprung über die Runden bringt.“

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